Was kommt, wenn ich jetzt gehe?

Visionen für den Ruhestand entwickeln

Vor gut einem Jahr bekam ich eine Anfrage einer Klientin: „Nach 43 Berufsjahren, voller Engagement und Arbeit geht es nun auf eine andere Lebensphase zu. Was ich gut kann, ist arbeiten - das mache ich auch gerne. Für den Ruhestand voraussichtlich im Dezember 2019 fehlen mir momentan Visionen. Ich könnte gut Unterstützung bei der Entwicklung neuer Ideen für die Zeit nach meiner Tätigkeit als Leitung in der Kita brauchen.“ Mit diesem ersten Kontakt startete eine spannende Reise für einen guten Übergang in eine neue Lebensphase.

Was der Körper zu sagen hat

Von Anfang an, haben wir uns auf eine Spurensuche gemacht, warum ihr der Abschied so schwer fällt. Ziel war es, etwas Neues in ihr Leben einzuladen und dabei Dinge zu verarbeiten, die dem im Wege stehen. Das Gefühl dazu war am Anfang erst mal eine körperliche Leere  und dann viel Trauer – da ich den Körper immer in meine Beratungen mit einbeziehe und den Gefühlen dazu Raum gebe.

Viele Fragen beschäftigten meine Klientin: Wie schaffe ich es, hier gut los zu lassen? An wen kann ich meine Rolle übergeben? Bricht alles zusammen, wenn ich weg bin? Und was mache ich selbst ohne die gewohnte Struktur des Arbeitens? Erst mal sah es für sie so aus, als würde ihr das nicht gelingen. Da wir aber bis zu ihrem Renteneinstieg genügend Zeit hatten, war es ein stückweises Entdecken und Loslassen. Nicht, wie bei vielen, die ihren letzten Tag in der Berufstätigkeit mit der Ungewissheit starten: Und was kommt jetzt? Es ist gut, sich für diese wichtige Lebensphase vorher Zeit zu nehmen, um einen guten neuen Start zu finden.

Was bin ich jenseits meiner Berufstätigkeit?

Meine Klientin ist eine aktive Frau, der man die über 60 nicht ansieht. Sie hat eine große Familie, lebt in einem bunten Freundeskreis und liebt ihre 2. Wahlheimat Spanien sehr. Dennoch war es für sie erst mal gar nicht so einfach, diese vielen Dinge und Menschen, die sie außerhalb ihres beruflichen Alltags bewegen, so wertzuschätzen oder diesen Dingen auch zukünftig mehr Raum zu geben. Warum nicht? Weil ihre Rolle in der sozialen Einrichtung – ähnlich wie ihre Rolle in der Ursprungsfamilie – ihr nicht erlaubten, dass was sie selbst liebt und wertschätzt wirklich für sich anzuerkennen. Das Muster: „ohne mich bricht alles zusammen“ übertrug sie aus ihrer Kindheit auf die Einrichtung, die sie leitete. Wir haben einige Mal an alten Erfahrungen gearbeitet, die sie prägten, die aber jetzt – heute – nicht mehr angebracht sind bzw. ihr im Weg stehen, dass zu leben, was für sie gut ist.

„Immer bist Du da“, so lautete ein kluger Spruch ihrer 5-jährigen Enkelin, die ihr damit spiegelte, wie sie für alle immer verfügbar ist. So galt es, sich stückweise die Erlaubnis zu geben, nicht immer anwesend zu sein, um der neuen Generation die Möglichkeit zu geben, in die Rolle hineinzuwachsen. Auch wenn es schwer fällt, weil sie es eventuell anders machen.

Das schwere Erbe der Vergangenheit

Außerdem haben wir in Teilen das schwere Erbe der zerbrochenen Ursprungsfamilie aufgearbeitet, um nicht das Ende der Leitungszeit in der Einrichtung mit dem Zerbrechen der Familie zu verwechseln. Hier wirkten alte Traumata mit ein und nicht zuletzt auch noch transgenerationale, wie beispielsweise die Erfahrungen der Eltern aus dem 2. Weltkrieg, die mit meiner Klientin direkt nichts zu tun haben, aber an diese übertragen wurden. Damals hatte sie ein krankes Familiensystem stabilisiert und konnte auch nicht einfach gehen. Die Trauer und Wertschätzung der Leistung meiner Klientin in jungen Jahren musste erst mal Anerkennung erhalten und einen Platz bekommen.

Ressourcen finden und Grenzen entwickeln

Leichter waren Übungen, wie: Was tut mir wirklich gut? Was erfüllt mich? Die vielen Ressourcen ihres Lebens hat meine Klientin dann mit verschieden Gefühlen verbunden. Oder das Spüren von Wut auf Erfahrungen, die nicht gut liefen oder Dinge, auf die sie zukünftig gut verzichten kann, waren die i-tüpfel unserer Gespräche. Wut hilft loszulassen und macht einem die eigenen Grenzen deutlich. Wir haben oft an dem Spüren der  Grenzen gearbeitet, damit sie dann ihren eigenen Raum mehr wahrnehmen kann.

Dankbarkeit für eine erfüllte Zeit

Meine Klientin geht nun mit Beginn des neuen Jahres in den Ruhestand mit viel Dankbarkeit für das Vergangene und Zuversicht auf das Neue. Krönung ihres offiziellen Abschieds ist eine Rede vor rund 400 Gästen, wo sie noch mal ihre vergangenen „magischen“ Momente mit den Menschen teilt, die sie dabei begleitet haben. Diesen letzten Auftritt haben wir in unserer letzten Beratung vorbereitet.

Ihr neues Leben im Ruhestand ist bereits gut gefüllt: mit vielen Dingen, die sie neu entdeckt hat und auch solche, die sie schon immer gut konnte und nun als freie Beraterin fortsetzen kann. Warum soll man das, wo man so viel Wissen hat, nicht weitergeben? Sie hat ihre persönliche Vision gefunden und freut sich nun auf den Start in diese Phase des Lebens. Dabei hat ihr geholfen, das Alte in Gesprächen gut abzuschließen und die damit verbundenen Gefühle zu integrieren und dankbar dafür zu sein, was sie in den vielen Jahren erlebt und erreicht hat. Das Neue kann kommen!

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