Haben Sie innere Bilder zu Ihrer Ursprungsfamilie?

Oder: Wie man mit Hilfe von Imagination einen anderen Zugang zu sich selbst finden kann

Unlängst besuchte ich eine Fortbildung zum Neuro-Imaginativen Gestalten, kurz NIG®, die viele Teile aus gängigen Therapiemethoden beinhaltet und somit einen guten Mix aus allem enthält. Sehr ansprechend war für mich die Einbindung von gestalterischen Elementen, da ich viel davon halte den Kopf auszuschalten und den Körper sprechen zu lassen. Erst dann fällt es leichter die Kontrolle abzugeben und an den Kern eines Themas heranzukommen.

Was ist NIG®?

NIG® ist kurzgesagt: Psychotherapie mit bildnerischen Mitteln, bei der man zu bestimmten Fragestellungen, z. B. „Meine Familie“ in sich hineinblickt und nach inneren Bildern sucht. Innere Bilder entstehen durch Erfahrungen und sind immer mit Gefühlen verbunden. Das Besondere dabei ist, dass diese inneren Bilder viel mehr ausdrücken, als man sprachlich leisten kann. Es findet ein „Dialog mit dem Unbewussten“ (Robert Dilts) statt, der oft mehr Erkenntnisse bieten kann, als jedes Therapiegespräch.

Diese inneren Bilder werden skizziert und zwar mit der nicht dominanten Hand – also diejenige, die eher ungeübt ist - bei mir ist das die linke Hand. Auch hier wird wieder das Unbewusste aktiviert, weil man mit der ungeübten Hand keine Kontrolle hat. Hinzu kommt, dass Perfektion durch den Einsatz dieser Hand dann wirklich wegfällt – es entsteht ein Bild mit mehr Aussagekraft, auch wenn es erst mal wie „gekritzelt“ aussieht. Die Bilder werden auf  DIN-A4 Blättern - möglichst mit Ölmalkreide – zu einem ausgewählten Thema skizziert und dann nach der eigenen Stimmigkeit im Raum verteilt. Danach stellt man sich auf diese Skizzen und erfährt neben dem visuellen auch das körperliche Erleben. Im Verlauf einer Sitzung stellt man sich mehrmals auf diese Bilder, um Veränderungen zu erfahren. Dabei beschreibt man seine Gefühle und körperlichen Wahrnehmungen (Atmung, Mimik, Muskelspannung), aber auch Augenbewegungen und Blickrichtung. Die Bewegungen können minimal sein und teilweise nur durch eine gute Begleitung sichtbar werden. Wichtig ist außerdem der Einsatz eines neutralen Beobachters – ein weißes Blatt Papier – das weit genug entfernt im Raum hingelegt wird und ermöglicht, ein Problem mit Abstand zu betrachten. Auch bei starken Gefühlen, die aufkommen können, kann man auf dieser Position wieder etwas Ruhe finden.

Ein Blick auf die Familie: Familienbeziehungen „mit anderen Augen“ sehen

Um einen anderen Blick auf seine Ursprungsfamilie zu bekommen, lohnt sich die folgende Übung zum Wechsel der Blickrichtungen – zitiert aus dem Buch „Im Bilde sein von Eva Madelung/Barbara Innecken, 1. Auflage 2003“ Das können Sie auch selbst mal ausprobieren:

  1. Stellen Sie sich die Mitglieder Ihrer Herkunftsfamilie vor und fertigen Sie für jede Person, Sie selbst eingeschlossen, eine Skizze auf einem gesonderten Blatt Papier an. Fühlen Sie sich ganz frei in der Gestaltung, es kann ein konkretes oder abstraktes Bild werden oder vielleicht auch ein Symbol.
  2. Stellen Sie sich nun vor, Sie schauen durch die Augen jeder einzelnen Person, und stellen Sie sich dabei folgenden Fragen:
    - Wie hat es jeder Einzelne in der Familie gut gemeint?
    - Was war seine positive Absicht für die Familie?
    Skizzieren Sie ein kleines Symbol auf das Blatt, das ausdrückt, wie es die Person gut gemeint hat. Überlegen Sie, wo die Person hinschaut, und bringen Sie einen kleinen Pfeil für die Blickrichtung an.
  3. Legen Sie die Blätter so auf dem Boden aus, wie es dem inneres Bild, das Sie von Ihrer Familie haben, entspricht. Achten Sie dabei auf die Blickrichtung der Personen, auf die Winkel und Abstände der Blätter zueinander.
  4. Legen Sie ein leeres Blatt in einem gewissen Abstand auf den Boden (Metaposition) und schauen Sie auf Ihr Familienbild. Liegt alles stimmig und richtig so?
  5. Stellen Sie sich auf die Bilder der einzelnen Familienmitglieder und nehmen Sie Ihre körperlichen und emotionalen Reaktionen wahr.
    - Wie sind Ihre Haltung, Ihr Stand und Ihre Atmung?
    - Wie fühlt es sich an, als Vater, Mutter oder Kind in dieser Familie zu stehen?
    - Wenn Sie auf die anderen Familienmitglieder schauen, fühlen Sie sich in Ihrer Position größer, kleiner oder gleich groß?
    - Wie sind die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander?
    - Welche Person ist die wichtigste?
  6. Treten Sie in die Metaposition und schauen Sie sich die Familie von außen an. Hat sich in Ihrer Wahrnehmung des Ganzen etwas verändert? Welche neuen Informationen haben Sie gewonnen? Gibt es irgendwelche Einsichten oder Erkenntnisse?

Diese Übung ermöglicht es, neue Perspektiven auf Verhaltensweisen zu gewinnen, die man als Kind in der Familie niemals zuordnen konnte. Hinzu kommen neue Erkenntnisse und Einsichten, die helfen können, einen friedlicheren Blick auf die Familie zu bekommen.

NIG® lässt sich also in Teilen selbst durchführen. Gut ist es natürlich, dabei eine erfahrene und vertraute Begleitung zu haben, um durch gezielte Fragestellungen oder Körperbeobachtungen noch mehr über sich zu erfahren.

Ich habe NIG® auf jeden Fall in meinem Methodenkoffer integriert und kann es wunderbar mit Somatic Experience verbinden – denn bei beiden geht es um die Verbindung von Körper und Wahrnehmung und bei NIG® noch zusätzlich um das gestalterische Element, um innere Bilder sichtbar zu machen.

Hier können Sie weiterlesen oder sich informieren:
Eva Madelung/Barbara Innecken: Im Bilde sein. Vom kreativen Umgang mit Aufstellungen in Einzeltherapie, Beratung, Gruppen und Selbsthilfe. Carl-Auer-Systeme Verlag 2015, 4. Auflage
NIG®  – Hintergründe zur Ausbildung und der Methode mit Downloadmöglichkeiten und Terminen.

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